19.01.2017

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Das Experiment

Spritzen mag «Bluewin»-Redaktor Bruno Bötschi nicht, seine Zornesfalte noch weniger. Er würde oft böse schauen, sagen seine Freunde. Jetzt hat er etwas dagegen unternommen – und war gespannt auf die Reaktionen.

Ein Beitrag von Bruno Bötschi, Redaktor bei Bluewin.

 

Botulinumtoxin A – viele reden davon, aber selten sagt jemand: «Ich habe es getan.» Es gibt jedoch Ausnahmen: Ich habe mir vor zwei Monaten Botulinumtoxin, kurz Botox, spritzen lassen.

Ich tat es, ohne jemandem davon zu erzählen - meiner Familie nicht, meinen Freunden nicht, auch nicht den Arbeitskollegen. Ich machte ein Experiment, wollte herausfinden, ob jemand bemerkt, dass ich mein Gesicht mit Botox behandeln liess.

Tag 1

Termin im Face Atelier in Zürich: Ich sitze auf einem Behandlungsstuhl aus weissem Leder und lasse mir weh tun. Piks. Piks. Piks. «Ach, die Männer», sagt Frau Dr. med. Colette C. Camenisch während sie meine beiden Zornesfalten mit einer Nadel behandelt, «die Männer sind wehleidiger als die Frauen.» Ich beisse auf die Zähne. Piks. Piks. Die Stecherei dauert keine zwei Minuten.

Meine Stirn ist danach leicht gerötet und ich verspüre während den nächsten zwei Stunden ein leichtes Brennen. Unangenehm, aber nicht wirklich schlimm. Die eigentliche Wirkung des Botulinumtoxins wird erst nach vier bis sechs Tagen einsetzen. Danach sollen meine beiden Glabellafalten, so nennt man die Zornesfalten in der Fachsprache, langsam verschwinden. Das Warten beginnt.

Tag 2 bis 4

Ich schaue öfters als üblich in den Spiegel, runzle immer wieder die Stirn. Aber meine Zornesfalten wollen einfach nicht verschwinden.

Tag 5

Nach dem Aufstehen im Bad der Kontrollblick im Spiegel. Ich sehe ein müdes Gesicht und ... endlich, ein erstes Resultat: Meine beiden Zornesfalten sind deutlich weniger sichtbar, als wären sie in der Nacht vom Sandmännchen geglättet worden.

Ob die Kolleginnen und Kollegen im Büro die Veränderung bemerken werden? Die Hoffnung ist klein. Ich weiss wovon ich rede: Nach dem Kauf meiner letzten Brille realisierte ein Freund erst ein Jahr danach, dass ich ein «neues» Gestell trage.

Kurz darauf wird meine Vorahnung bestätigt: Eine Arbeitskollegin lobt meine karierten Hosen, meine Stirn erwähnt sie nicht.

Tag 6

Nachkontrolle bei Frau Dr. Camenisch. Sie ist nicht ganz zufrieden mit ihrem Werk, noch nicht. «Lieber beim ersten Mal zu wenig spritzen», sagt sie, «als zu viel.» Nochmals piksen. Nochmals leiden. Fünfmal. Frau Doktor sagt, meine linke Zornesfalte sei derart tief, dass sie mit noch mit einem Schuss Hyaluronsäure auffüllen werde. Gesagt, gepikst, aufgefüllt.

Als ich später daheim in den Spiegel schaue, erinnert die Gegend zwischen meinen Augenbrauen an die Schlacht am Morgarten im Miniformat. Jesses, wenn die roten Flecken heute Abend jemand entdeckt. Dummerweise habe ich mit Freunden zum Apéro abgemacht. Ich habe Glück: Wir treffen uns in einer schummrigen Bar. Keiner sagt etwas, keiner schaut schräg.

Tag 9

Die Schlacht auf meiner Stirn hat sich beruhigt und die Zornesfalten sind - simsalabim – nicht mehr zu sehen. «Frischer», hat Frau Dr. Camenisch gesagt, soll ich nach der Behandlung aussehen. Und wirklich: Ich sehe frischer aus, finde ich.

Abends bin ich zum Essen eingeladen: Meine engsten Freundinnen und Freunde sind anwesend. Es gibt Austern und Champagner. Ob jemand etwas merken und auch etwas bemerken wird? - Fehlalarm. Botox ist zwar einmal kurz das Thema, aber mich schaut deswegen keiner genauer an.

Tag 10 bis 15

Immer wieder der prüfende Blick in den Spiegel. Und der Rest der Welt? Sagt nichts. Ich bin scheinbar der einzige Mensch, der findet, ich sähe seit einigen Tagen frischer aus.

Ich erinnere mich an das Gespräch mit Frau Dr. Camenisch. Sie arbeitet seit zehn Jahren in der ästhetischen Chirurgie. Sie war als Ärztin in Schweden tätig, davor in Indien. Dort half sie mit, die Ärmsten der Armen medizinisch zu versorgen. In Indien haben sie realisiert, wie wichtig das Äussere für die Menschen ist, egal ob arm oder reich: «Essen und Trinken ist das Allerwichtigste, danach geht es aber meist sofort um das Aussehen.» Camenisch lässt sich seit mehreren Jahren Botox spritzen.

Tag 16

Ein Fondueessen mit Freunden. Der Abend ist lang. Irgendwann lenke ich das Gespräch auf Schönheits-OP und realisiere: Die meisten Menschen kennen den Unterschied zwischen Botox und Hyaluronsäure nicht. Zu meinem veränderten Äusseren sagt, wie die Tage zuvor, niemand etwas.

Bin ich wirklich der einzige, der realisiert, dass ich seit einigen Tagen weniger böse gucke? Irgendwann werfe ich ein: «Ich habe auch etwas gemacht.» «Dachte ich mir doch,» antwortete eine Freundin, «die Nasenlippenfurche, gell?» Netter Versuch. Ich zeige ein älteres Porträtbild herum. Es sei verraten: Keiner fand heraus, was ich gemacht habe.

Tag 17

Auch im Büro kommentiert niemand mein «neues» Äusseres. Während einer Sitzung hocke ich extra frontal vor die Kolleginnen und Kollegen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich Brillenträger bin und deshalb die Augenpartie «geschützter» als bei anderen Menschen ist.

Tag 20

Sonntagsbrunch bei zwei Freundinnen. Wir essen viel und reden mehr. Irgendwann sagt die eine: «Du wirst auch nie älter.» Ich lächle und denke: Momoll, die Behandlung hat sich gelohnt.